Jetzt bin ich wieder zu Hause. Es war eine lange Fahrt, die mir kurz vorkam. Denn wir redeten, sangen, schrien und diskutierten uns immer weiter in Rage. Oder besser gesagt, wir wurden Anarchisten!
Wir sahen uns dem Problem gegenüber, jetzt einen Vorsitzenden im Bund zu haben, den wir nicht kannten, über den wir nicht viel wussten, als dass er irgendwo von da unten (Tübingen) kam und dass er mal für mehrere Jahre Mitglied der CDu war.
CDU-Mitglied als VoSi? Hackts?
Bei einem solchen Wahlausgang (Christopher Lauer war im Rennen um Platz 1 nur auf Platz 2 gelandet) mussten wir mit allem rechnen. Ein bisschen fühlten wir uns, wie die kleine Führungsriege der KPD im Herbst 1933 nach der Machtergreifung. Wir bekamen Angst um unsere Partei, unsere Ziele und ganz besonders um unsere Basisdemokratie.
SO NICHT!
Jetzt würden bestimmt bald die schwäbischen Horden über uns Berliner herfallen und uns unseren schönen Wahlkampf kaputt machen. Also tranken wir noch eine Flasche “Cptn. Morlang” und “Mimimi, der Todesmexikaner”, denn mit mehr Alkohol im Blut denkt es sich entspannter. Wir wären keine anständigen Piratenpunkrocker, wenn wir nicht alle mehrere Flaschen Bier zusätzlich geleert hätten.
Das Interessante war allerdings, dass wirklich ein Plan in uns heranreifte.
Wir würden abwarten und weitermachen, wie bisher. Wir würden uns in Blockaden von Nazi-Aufmärschen neben die Antifa stellen, wir würden Parties feiern, für das BGE werben und unser heiß geliebtes Liquid Feedback benutzen um Entscheidungen zu treffen. Wir würden unsere berühmt-berüchtigte berliner Arroganz nehmen und mit ihr in das Abgeordnetenhaus einziehen.
Scheißegal, was im Bund läuft!
So fatalistisch und sezessiv das klingen mag war es anfangs vielleicht sogar gedacht. Ehrlich gesagt, wir waren bockig, gefrustet und angepisst ob der ersten Presseartikel, die wir bei unglaublich miesem Netz auf der Autobahn von #Bings sehen mussten. Da waren Interviews von @Tirsales, in denen er uns höhnisch ins Gesicht zu schlagen schien, Fotostrecken von ihm mit dem unsäglichen Dreispitz des Herrn Engels, den ich bereits mehrfach nur schwer zurückzuhalten war, einfach abzufackeln und Siegerposen, die uns ebenfalls zu gelten schienen.
Langsam aber sicher kamen wir in Berlin an und waren so müde und körperlich am Ende, dass zumindest meine Stimme verschwand und die Tragfähigkeit diverser anderer enorm nachließ. Halb fünf Uhr morgens war ich dann endlich im Bett, völlig kaputt und mit Kopfschmerzen von Alkohol, schlechter Luft und Lautem Singen/Reden.
Ich wachte irgendwann wieder auf vom Geklapper in meiner Wohnung. Klar. Meine Freundin wird wohl vor Stunden aufgestanden sein.
War sie auch. Hatte Besuch. Ab ins Bad. Aufhübschern, Anziehen und ab an den Rechner und Berlin verteidigen!
Aber dann… Dann war die Wut plötzlich verraucht. Klar, ich würde mir Berlin immer noch nicht wegnehmen lassen, aber die Angst vor den Kreuzrittern aus dem bergigen Süden war irgendwie erstmal weg. Da war ein Mann, den ich nicht kannte, der plötzlich Vorsitzender war und der jetzt einen Job hatte, den er irgendwie ausfüllen muss. Ein anderer Mann, den ich ein bisschen kannte, war sein Nachfolger. Ein Mann, der mir empfohlen worden war, war sollte Schatzmeistern und eine weitere Empfehlung sollte nun der Generalsekretär sein. Und…
Die Verbündete…
Afelia, die neue politische Geschäftsführerin (die gegenderte Fassung des Jobs sieht doof aus, gehört hier aber hin). Afelia kommt aus Münster. Münster ist dieses eine kleine gallische Dorf in NRW, das nicht von Römern besetzt wurde. Dort wird Kommunalpolitik von Piraten mitgestaltet und es herrscht ein reger Austausch mit dem Berliner Friedrichshain. Friedrichshain? Da bin ich doch. Münster, gar nicht so weit weg.
Afelia, du bist großartig. Hier im Kompetenzmagneten, der schon große Teile aus deinem Kreisverband abezogen hat, wartet eine AG Punkrock darauf, dir in jeder Hinsicht zu helfen. Frag und betrachte als erledigt.
#chancegeben
Bei den Twitterdiskussionen kam immer wieder der Wunsch der Baden-Württemberger in die Timeline geploppt, wir sollten doch dem @Tirsales und dem restlichen Vorstand eine Chance geben.
OK. Ich habe für mich beschlossen, Berliner Pirat zu sein. Wir haben schon gegen unglaubliche Stürme aus Scheiße gearbeitet (das war keine Segelrhetorik). Wir haben uns von niemandem etwas sagen lassen und sind nach Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, NRW und Hamburg gefahren. Wo man uns brauchte, war jemand von uns da.
Das werden wir wohl weiter machen.
Sebastian Nerz, du wirst dich in unseren Augen beweisen müssen. Du wirst uns zeigen müssen, aus welchem Holz du geschnitzt bist. Wir wollen sehen, ob du nach unseren Maßstäben Pirat bist oder nur ein Konservativer im Faschingskostüm.
Wir müssem dich nicht lieben. Aber wir müssen dich kennen, damit du so etwas wie Zusammenarbeit von uns erwarten kannst. Unterordnen werden wir uns nie. Wenn du versuchen solltest, uns zu führen, werden wir wohl Widerstand leisten. Versuche das bitte nie jemand.
Aber du sollst deine Chance haben. Fang an, deinen Job zu machen und setz keine Dreispitze mehr auf (GANZ WICHTIG!!!) Dann werden wir vielleicht keine Freunde aber wir werden zumindest irgendwie miteinander arbeiten können.
Wir machen jetzt das mit dem Dialog. Rede mit uns und wir werden mit dir reden. Komm auf das Camp.



So sprechen wahre Piraten.
Klasse Kommentar:) Aber wer will schon Berliner domestizieren? Ist ja noch nicht mal gelungen, nachdem wir Badener Euch schon die ganzen Schwaben geschickt haben
Ansonsten: Piraten müssen gemeinsam segeln. Und schon in der Karabik haben sie den Kurs des Kapitäns (mit-)bestimmt. Was sollte sich daran ändern? Egal ob Nord- oder Südlichter…
Danke, genau.
Gib ihn eine Chance. Wenn er Mist baut, sag ihn Bescheid. Wen er’s gut macht, lobe ihn. Der Feind ist nicht bei uns, der Feind sind die der Etablierten Parteien, die uns zurück nach 1870 bringen wollen.
Konzentrieren wir uns darauf, den Feind dort zu schlagen, wo es ihm weh tut – in den Parlamenten: Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und Niedersachsen. Dieses Jahr noch.
Das ist viel Arbeit, da wird jede Hilfe benötigt.
Aleks
Was der Lessmann sagt!
Tja, die Aktion mit den Schwäbischen Horden, die ist von mir. Und wenn du Angst davor hast, das wir „euren Wahlkampf kaputtmachen“: Das tut mir sehr leid. Dann machen wir bei den Berlinern mit, die Lust haben, von uns unterstützt zu werden. Prost.
Ach, ich seh grad, mit dir hat ichs ja auf Twitter davon. Sorry, manchmal erkenn ich Ironie nicht auf den ersten Blick
Alles wird gut. Ich kleb auf meinen Blog nur keine “sarcasm”-Schilder. Klappt ja auch ohne.
Das ist ein faires Angebot. Danke!
Gruß
Matthias
WTF?
Ist das Dein Beitrag zu “Wir machen das jetzt mit dem Dialog?”
http://twitter.com/#!/UrbanP1rate/status/70097439436185600
BTW: Da der “Kompetenzmagnet” Berlin neben Plätzchen nun auch Afelia und wohl auch Alios immer mehr anzieht, ist das bisschen piratige Kommunalpolitik in Münster wohl bald einfach tot. Friedrichshain und Münster mögen ja nah beieinander liegen, aber so richtig aus der Nähe betrachtet sieht die Sache eher so aus, dass die arme Sau Pascal sich in Münster alleine den Arsch aufreißt und die Piratenflagge hoch hält. Nach dieser tollen Spontankandidatur hat der allerdings auch gar keinen Bock mehr…
Juhu, viel Spaß noch mit dieser Kriegsrethorik!
Ok, vergiss das.
Ich habe den Abschnitt #chancegeben beim lesen verpasst und hoffe, dass Tirsales zum Camp kommt…
Ich finde die Wahl von Nerz, überwiegend nicht negative und sah es auf dem BPT schon so. Wodurch es für mich, bereits früher, zu der Entscheidung kam, ihm erstmal eine Chance einzuräumen.
Von daher ich bereits im Bus schon besänftigten versuchte, die “Mob” ähnliche Stimmung, etwas zu besänftigen. Bier, laute Stimmen und zugegebenermaßen, die eigene Belustigung dabei, ließen dieses vorhaben eindeutig scheitern. Dennoch ist es natürlich jetzt, angenehm dies zu lesen. Ich hoffe du bleibst in Berlin kein Einzelfall.
Hi Yo,
ich hatte allgemein den Eindruck, unsere Chaotentruppe im Heck des Busses würde sich nach und nach beruhigen. Das meiste war halt auch weniger irgendeine Frustration über Christophers Nichtwahl als Angst vor den Reaktionen unserer linken Berliner Wählerschaft. Aber wenn wir weiter machen, wie bisher, und der @tirsales keinen großen Bockmist baut bis September, kann das noch funktionieren.
Was habt ihr gegen den Dreispitz? Ich find den cool.
Trägt Merkel ne Tiara?
Wenn wir in den Medien ernstgenommen werden wollen, sollten wir solche Bilder einfach unterlassen. Die Jubelbilder von Sebastian waren doch gut. Er könnte etwas wilder aussehen, aber ich war weitestgehend zufrieden.
Der Hut sieht einfach scheiße aus. Das ist genau wie mit diesen leidigen Playmobil-Piraten…. 1 ganzes Jahr lang immer wieder… Wir konnten machen was wir wollten, Bilder bauen, geile Sttings auswählen… und in den Medien waren die Playmobilfiguren. Sowas frustriert.
Ürigens genauso DÄÄÄÄÄÄÄMLICH wie die beiden Vollschüsse im weißen Bademantel…
SCNR